Im Silberlicht des Mondes scheinen Geschichten wahr, die im goldenen Sonnenlicht nicht bestehen würden. Dieser Blog erzählt von den Möglichkeiten und Unmöglichkeiten der PR, Medien und der Werbung. Stephan Eichenseher ist Senior PR-Berater bei wbpr_ Kommunikation. Seine Schwerpunkte sind Corporate Communication, Innovationskommunikation und Online-Kommunikation.
Mittwoch, 27. November 2013
Demokratie & Social Media: Digitaler Staub
Ein klare Absage an die liquid democracy-Thesen der Piraten: Politischer Diskurs lasse sich nicht mit einem Like oder mit dem Abschicken einer E-Petition führen. Aber mir stellt sich die Frage, ob es historisch jemals mehr Beteiligung gab, ob nicht demokratischer Diskurs schon immer einem sehr, sehr engem Zirkel vorbehalten war. Weil er schon immer mühselig, langwierig und komplex war. Weil sich nie mehr Menschen als jetzt an ihm beteiligen konnten, weil ihnen Zeit und Mittel fehlten. Und weil sie eh nicht gehört worden wären.
Vielleicht macht Social Media dieses Defizit nur sichtbarer. Insofern wäre jedes Like, jeder Trollbeitrag ein Plus an Demokratie.
Sonntag, 26. Mai 2013
Geh joggen, Hello Bank
Die meisten Banken verhalten sich im Web ja ungefähr so innovativ wie die Autohersteller, die Modell-Konfiguratoren immer noch für ein ganz heißes Ding halten. Nachdem die Fidor Bank mit einem starken Mitmach-Ansatz einige Impulse in dem Markt gab, fangen die Banken langsam an zu denken. Man kann es wie die Commerzbank machen, deren größter Coup es war, eine Mitarbeiterin im Werbespot joggen zu schicken, oder man ändert wirklich etwas und bietet zum Beispiel Videoberatung außerhalb der kundenverachtenden Öffnungszeiten an, wie es die HypoVereinsbank macht.
Der Einstieg: Schlecht orchestriert.
Hello Bank lässt erstmal die Kunden arbeiten und sammelt Fragen von ihnen ein, die auf einem Workshop beantwortet werden sollen. Das Handelsblatt vermutet nicht ganz zu unrecht, dass die Nutzer die unklare Zwei-Marken-Strategie der Franzosen hinterfragen werden. Während Cortal Consors für viele als reiner Broker gilt, soll Hello Bank europaweit die Vollbank-Marke werden, Mobile Banking soll im Mittelpunkt stehen, dazu hat sich die Werbeagentur schon mal eine vollkommen uninspirierte Aktion mit einem Orchester ausgedacht.Der Kunde? Steht verloren im Raum.
Ob und was sich für Cortal Consors Kunden ändert, ist momentan vollkommen unklar. Und so steht die Fragen-Kampagne bisher etwas verloren im Raum. Offiziell ist die Bank ja schon gestartet, angeblich sollen das neue Girokonto und das Tagesgeldkonto schon neue Produkte der Hello Bank sein. Wo es mal hingehen könnte, ist bereits unter dem belgischen Auftritt www.hellobank.be zu sehen. Fraglich bleibt, wozu man die Kunden noch fragen will, wenn die Produkte eigentlich schon fertig sind?Und so bleibt ein ungutes Gefühl, dass die Nutzerbeteiligung nur der Fassade dient und sich Hello Bank kein bisschen für die Fragen der Kunden interessiert. Das erste Hallo der Hello Bank ist schon mal keine sympathische Ansprache.Geh lieber joggen, Hello Bank, das macht einen schlanken Fuß.
Dienstag, 19. Februar 2013
Ein Herz für die PR-Abteilung
Was man mit Studien Lustiges anfangen kann, beweist heute mal wieder Xing mit seiner Pressemitteilung. Demnach sind 14 Prozent der Befragten schon mal eine Beziehung am Arbeitsplatz eingegangen. 35 Prozent könnten sich das immerhin vorstellen. Für 85 Prozent sind die Kollegen sogar die attraktivsten Beziehungspartner. So weit, so beziehungsreich. Jetzt kommt das große Aber.Ausgerechnet wir kommunikativen Wortkünstler, einfühlsamen Zuhörer und zupackenden Macher in PR und Marketing kommen im Schaukampf der attraktivsten Abteilungen nur auf Platz fünf. Vor uns sind die grauen Mäuse aus der Buchhaltung, die Stechkarten-Stempler aus der Personalabteilung, die öligen Vertriebler und die Jungs aus der Produktion mit den schwarzen Fingernägeln. Was auffällt: je typisch "männlicher" der Bereich, desto sexier die Abteilung.
Uns PR-Männern und -Frauen traut man beziehungstechnisch nichts zu, aber dafür können wir Facebook.Zehn Prozent aller neuen Beziehungen beginnen bereits mit dem F-Wort, wie der Beziehungspezialist Jakobs feststellt. Natürlich denken wir dabei nicht an Bang with friends. Wir feinfühligen Geschöpfe haben ein größeres Herz und ein Hirn dazu. Da passt es gut, dass es jetzt eine BwF-Variante gibt, die uns nicht nur im Vollzug, sondern auch im Schwärmen, Träumen, Hach-Sagen unterstützt.
Große Herzen statt Big Bang
Friends-or-more.de heißt die Weiterentwicklung der Leverkusener App-Spezialisten "Socialised". Das Prinzip ist das selbe wie bei BwF: Die Facebook-Anwendung erzeugt aus euren Facebook-Kontakten einen Katalog eurer potenziellen Herzenswünsche. Ihr setzt ein Herz dort, wo ihr euch mehr vorstellen könnt, als nur eine Facebook-Freundschaft. Macht der Herzenswunschpartner das gleiche, habt ihr einen Volltreffer gelandet. Klickt der andere nicht, merkt keiner was.
Trend: Secret Wishlist-Apps
Secret-Wishlist-Apps werden die amourösen Helferlein genannt. Und wir brauchen sie dringend. Facebook-Freunde sind anders als andere Freunde. Wir sammeln sie nicht nur in unserem engsten Bekanntenkreis ein. Kollegen, Geschäftspartner, entfernte Bekannte, einmalige Bekanntschaften - ein direktes Ansprechen würde sich oft verbieten oder wäre riskant. Friends-or-more.de oder Bang with Friends lassen nur zusammen kommen, was zusammen gehört. Keine Fragebögen, kein Ausfüllen von Profilen wie bei Partnerbörsen, kein pseudowissenschaftliches Matching.
Thema: Datensicherheit und Privatsphäre
Dass Friends-or-more.de dabei wesentlich charmanter, herzlicher und weniger hormon-gesteuert daher kommt als das amerikanische Original, sieht man auf den ersten Blick. Die Entwickler rund um Projektleiter Mike Wattrodt haben aber auch auf die Sicherheit geachtet. Ein Klick und die Daten und die App werden wieder vom Facebook-Profil entfernt. Mike, der einige Projekte für uns bei talkabout realisiert hat, sieht hier den großen Unterschied: "Die Idee von Bang with Friends war einfach und genial. Aber wir wollten etwas auf Deutsch machen, das herzlicher ist, weniger direkt und vor allen Dingen sicherer für alle Beteiligten."
Tatsächlich ist das Verteilen von Herzen einfach, unverbindlicher und ergebnisoffener. Was die beiden verbundenen Herzen miteinander anstellen. definieren sie selbst. Und das kommt uns Kommunikationsexperten durchaus entgegen, wenn wir wieder mit jemand aus der Produktion anbandeln wollen.
Freitag, 25. Januar 2013
Die Samba-Fans der FDP
Bei gut 80 Prozent liegt der Anteil der Fans aus Deutschland der meisten Parteien, die restlichen Fans verteilen sich ziemlich gleich. FDP und die Linken dagegen kommen nur auf 60 bzw 66 Prozent. Nun mögen die beiden Kleinparteien international besonders gut aufstellt sein. Bei den Linken sind nach den Deutschen die Italiener mit 5 Prozent am häufigsten vertreten. Wieso? Woher kommt diese transalpine Begeisterung?
Und bei der FDP: Auf den weiteren Plätzen folgen Frankreich und die USA mit Werten, die den anderen Parteien entsprechen. Wer betreut eigentlich den Facebook-Auftritt der FDP? Ich würde da gerne mal nachfragen, welche Fan Kampagne so erfolgreich war.
Das "Länder"-Feature von socialBench (Disclaimer: Kunde) ist übrigens sehr praktisch, wenn man sich der Herkunft der Fans nicht nur auf der eigenen Seite, sondern auch bei Wettbewerbern ansehen will, zum Beispiel um das Fan-Potenzial im jeweiligen Land zu analysieren.
Update (21.02.)
Die Süddeutsche berichtet heute über den Verdacht gekaufter/gefälschter Twitter-Follower bei der FDP.
Freitag, 18. Januar 2013
Die Münchener OB-Kandidaten im Facebook Benchmark (1)
Das Tool
Ich verwende socialBench, weil sich mit dem Tool sehr leicht Facebook-Seiten analysieren und bewerten lassen. Die Besonderheit von socialBench sind die "Social Points", die das Tool vergibt. Damit lassen sich leicht Benchmarks erstellen, wie sie Social-Media-Verantwortliche im Unternehmen brauchen um die eigene Performance zu bewerten. Seit heute habe ich die Seiten in socialBench-Datenbank eingetragen, nun trackt das Tool sie dauerhaft, ohne dass ich mich drum kümmern muss.Das Untersuchungsobjekt
Erfasst habe ich folgende Seiten:- Dieter Reiter
- Josef Schmid
- Dr. Michael Mattar
- Sabine Nallinger hat bis jetzt nur ein privates Profil. Sobald ihre Seite steht, nehme ich sie in die Messung auf.
Das Benchmark
socialPoints vergibt nach einem geheimen Algorithmus Punkte. Es zählen Aktivität, Fanwachstum, "Sprechen drüber", Eigene Beiträge, Fanbeiträge und die Antwortgeschwindigkeit. Das Besondere: Mit diesem Benchmark lassen sich auch Seiten höchst unterschiedlicher Fanzahl vergleichen.Erste Ergebnisse
Da alle drei Seiten gerade erst in die Datenbank gewandert sind, gibt es bisher nur wenige Daten.Bei den Fans liegt Dieter Reiter klar in Führung mit über 1.800 Fans. Reiter war der erste Kandidat mir eigener Seite und hatte dementsprechend schon mehr Zeit, Fans einzusammeln. Reiters Fans sind auch wesentlich internationaler. Die Geographie der Fans ist ein sehr neues Feature von Social Bench. Viele Tools liefern diese Daten nur für eigene Seiten. Damit lassen sich in einigen Fällen zum Beispiel gekaufte Fans schnell entlarven. In diesem Fall gibt es aber keine Auffälligkeiten.
Das nächste Benchmark - mit wesentlich mehr Daten - folgt dann im Februar.
Montag, 24. Dezember 2012
Das Gott und der politische Shitstorm
Weihnachten und Neujahr inspirieren uns, wichtige Fragen zu stellen, zu deren Beantwortung wir im Trubel des Jahreslaufs nicht kommen. Was war, was wird? Geht die Welt unter? Wie halt ich's mit der Religion? Spezialisierst auf solche zeitaufwändigen Fragestellungen ist natürlich Die ZEIT, und wahrscheinlich weil man vor Weihnachten noch einen Aufreger brauchte, fragte man halt jemanden, der in seiner Unbedarftheit verlässlich ebensolche produziert: Kristina Schröder. Die entblödet sich nicht und erklärt, dass man statt der Gott auch das Gott sagen könnte. So weit, so wenig.
Und mit diesem vermeintlichen Aufreger löst die alte Tante aus Hamburg einen Kurzschluss im politischen System aus, das entweder vor Weihnachten komplett unterbeschäftigt ist und Zeit zum Plappern hat oder angesichts der immerwährenden Euro-, Finanz- und Schuldenkrise nach Entlastung sucht.
Als Erstes spricht Bayerns Sozialministerin Christine Haderthauer (CSU) und sagt, das mache sie sprachlos. Katharina Reiche (CDU), Staatssekretärin im Bundesumweltministerium, bleibt von jeglicher Sprechscham verschont und gibt von sich: "Der liebe Gott bleibt der liebe Gott."
Nun melden sich auch Männer zu Wort und stellen sich vor Klein-Kristina, zum Beispiel der Sprecher von Schröders Ministerium, Christoph Steegman. Er verweist weise auf die höchste irdische Autorität bei diesem Thema: den Papst. Das kann der Leiter des Kommissariats der katholischen deutschen Bischöfe, Karl Jüsten, nicht so stehen lassen und nimmt Schröder ebenfalls in Schutz, weil das Ganze mit den "Kategorien des Gendermainstreamings" nicht zu fassen sei.
Bei der ZEIT hat man sich dieses wohl-inszenierte Domino des Sinnfreien wahrscheinlich mit Vergnügen angeschaut, konnte aber nicht umhin, auch noch einen Kommentar nachzuschießen, welche Belastung Schröder für die Union sei.
Hätte dieser Flashmob der Unbedarften seinen Ursprung auf Facebook gehabt, hätten sich genau die gleichen Leute über die Diskussionskultur dort beklagt. Wahrscheinlich wären Forderungen nach Mäßigung (Die ZEIT), dem Internet-Radierer (Ilse Aigner) oder einem grundsätzlichen Verbot von Facebook und allem anderen (Innenminister Friedrich) aufgekommen. So aber suhlt sich das politische System samt der beteiligten Medien im selbst aufgewirbelten Dreck und findet es auch noch schön.
Donnerstag, 24. Mai 2012
Wir brauchen Helden in Social Media
Der Kampfbegriff der Authentizität macht Unternehmen klein in Social Media, weil selbst gute Kommunikatoren ihn falsch auslegen.
In der aktuellen Ausgabe der 'Engelsloge', einem Magazin der Bayerischen Staatsoper, beschreibt der Tenor Stephen Gould, wie er zu seiner Stimme fand.
Gould war im Musical-Fach unterwegs, bis eine Kollegin ihm sagte: "Du bist gut, aber das ist nicht deine Stimme". Gould machte sich auf die Suche nach einem Lehrer, der ihm helfen konnte seine Stimme zu finden. Heute ist Gould einer der größten Heldentenöre.
War Goulds Musical-Stimme im Musical authentisch? Ist seine Stimme als Siegfried inszeniert, ausgedacht, fake?
Wenn Unternehmen in Social Media starten, raten die Coaches und Social Media Professionals gerne zur Authentizität: "Ihr müsst in Social Media so sein, wie ihr seid." Das greift zu kurz und hat als Ergebnis, das Unternehmen entweder gar nicht starten oder den gleichen Krampf fabrizieren wie bisher.
Dieser verengte Authentizitätsbegriff wird vollends ad absurdum geführt, wenn die gleichen Coaches betonen, dass Social Media die Art zu kommunizieren für Unternehmen grundsätzlich ändert, ja sogar das Unternehmen selbst. Damit haben sie sogar Recht. Social Media ist eine Befreiungstechnologie für Kommunikatoren. Sie befähigt und verpflichtet Unternehmen, ihre Rolle neu zu lernen. Sie können in Social Media sein, was sie bisher nicht sein konnten. Weil es die Prozesse, Traditionen, Beziehungen und die Zusammensetzung des Teams bisher nicht zuließen.
Berater für Social Media müssen Untetnehmen deshalb dabei helfen, ihre eigene Stimme zu finden, sie aufzubauen - statt sie zu kastrieren und auf den Status quo festzulegen. Es klingt paradox, aber Social Media bietet die Chance, die eigene Authentizität zu inszenieren. Wir brauchen Helden, Kleingeister gibt es genug.
'You can be anything you want to be.'
Dieser Post ist Teil von Mirko Langes Blogparade zum Thema Authentiziät und Inszenierung geworden.
Dienstag, 1. Mai 2012
EM in der Ukraine: Kein Spaß für die Sponsoren
Was wir ab 8. Juni sehen werden, wird uns sehr an die Bilder aus Bahrein erinnern. Tränengas, prügelnde Polizisten, Demonstranten, Verletzte werden das Bild dieser EM prägen. Vielleicht mischt sich das Blut der Verletzten nicht in das offizielle TV-Signal der UEFA, aber über Social Media, auf YouTube und Facebook werden die Bilder diese EM bestimmen. Der perfekte Markenauftritt wird den Sponsoren nicht gelingen. Und sie werden sich fragen lassen müssen, ob sie mit den Spielen in der Ukraine nicht die Unterdrücker stützen.
Dass unser Blick nun auf die unhaltbaren Zustände in der Ukraine fällt, ist aber irrwitzigerweise ein Verdienst der gut geschmierten Sport-Maschinerie mit ihrem Drang zu den Geldtöpfen der Schurken. Die Ukraine wird nach dieser EM nicht mehr die selbe sein. Und die Sponsoren großer Sportereignisse werden sich fragen, wieviel Blut und Tränengas die Marke verträgt.
Sonntag, 1. April 2012
Social Media, die Erregung und die Wahl 2013
Kleiner Rückblick: 2009 war es schon spürbar; die Parteien waren ins Netz gekommen, um zu bleiben. Damals war ein Facebook-Account für eine Partei schon eine Aussage. Obama und sein Twitter-Wahlkampf hatte Wellen geschlagen, die seitdem in die Wahlkampf-Budgets schwappen.
Die Plattformen sind besetzt
In den vier Jahren seitdem haben sich die Parteien von damals im Netz positioniert - und stehen doch angesichts der Piraten ziemlich ratlos da. Da gibt es CDUplus (beta), was sich eher wie der "Arbeitskreis Senioren" anhört, wohl aber eine Kampagnenplattform für die Internetaffinen unter den Anhängern ist.
Die Grünen haben ihre Verantwortung für vom Aussterben bedrohte Netzwerke erkannt und promoten deshalb auch noch StudiVZ und wer-kennt-wen auf ihrer Website. Ansonsten wirkt die Startseite von allen großen Parteien am wenigsten social - sprich, die Grünen kommunizieren sehr viel mehr ihre Themen, begeben sich nicht auf das Niveau des Politik-Pinterests und verzichten auf bunte Bildchen. Bis jetzt, denn ich wette, dass vor der heißen Phase des Wahlkampfes noch ein Relaunch von www.gruene.de ansteht.
Auf der Website der SPD scheinen die Social-Media-Elemente am natürlichsten integriert. Da macht es auch Sinn, wenn Teresa Bücker, Social-Mediteuse der SPD, in einem Post im umfangreichen Blogbereich vor reinen Netz-Kampagnen ohne politische und lokale Verankerung warnt.
Die Piraten: Mobilisierung durch Erregungspartikel
Wie wird sich das Gesicht der Parteien im Netz wohl ändern, wenn die Parteien auf die Piraten reagieren, reagieren müssen? Die Piraten haben Social Media als reine Erregungsökonomie verstanden. Anders als in den klassischen Medien ist das wertvollste Gut hier nicht allein die Aufmerksamkeit, sondern die Erregung. Katzen-Content oder Anti-Acta, das spielt in der Erregungsökonomie keine Rolle mehr.
Entscheidend ist die "Teilbarkeit", also die Qualität eines Inhalts, die ihn wie eine Welle der Erregung von Knoten zu Knoten im Netz wandern lässt. Wie bei einer aus dem Ruder gelaufenen Facebook-Party mobilisieren die Piraten mit Hilfe von hochgradig teilbaren politischen Meme Menschenaufläufe - in Social Media, in den klassischen Medien und auf den Plätzen der Großstädte. Debattierbar, also auf dem Prüfstand der politischen Diskussion nachzuhalten, sind die Piraten in weiten Teilen nicht, darauf verweist auch Michael Spreng in seinem Post über die "Gummiwand-Partei".
Hält die Demokratie soviel Erregung aus?
Die Bundestagswahl in Social Media wird deshalb so spannend, weil sich erst noch zeigen muss, wie lange die Bürger den Erregungszustand des Wellenwahlkampfes aushalten. Am Ende könnte sich in der ganzen Erregung der Plattformen, Netzwerke und Lautsprecher herausstellen, dass den Parteien und der Demokratie die Debatte abhanden gekommen ist.
Für Unternehmen lässt sich bis 2013 noch viel lernen von den Parteien. Wo sollen sie auf Erregung setzen, um Menschen für ein Produkt zu mobilisieren und schnell Wellen zu schlagen? Wo müssen sie Aussagen, debattierbare Standpunkte und Dialoge in Social Media nachhalten, weil sonst strategische Ziele in Gefahr sind? Ist Social Media überhaupt ein Kanal für Inhalte jenseits der Erregung? Es wird spannend - und jetzt zurück zum Frühling.
Sonntag, 4. März 2012
Das ist Punk, Mann. Lass dir die Haare schneiden
Wir brauchen viel mehr Punk. Wir brauchen einen realistischen, unaufgeregten Umgang mit Social Media, wir brauchen mehr Respekt vor den Leuten, die uns in Social Media begegnen, und wir brauchen sehr viel weniger Respekt vor der "Netzgemeinde". Wir sind die 90 Prozent.
Wir erleben gerade die Geburtsschmerzen einer popularisierten, demokratisierten Netzgesellschaft. Ein in sich weitgehend geschlossener Zirkel von Netz-Gurus und Social Media Priesterinnen wehrt sich noch dagegen. Widerstand aber ist zwecklos. Die Popularisierung einer Innovation, eines neuen Gedankens oder einer neuen Technik geht unvermeidlich mit Umbrüchen einher.
Nur her damit. Der Zustand der "Netzgemeinde" ist ziemlich traurig, die Debattenkultur nicht der Rede wert. Es zeugt schon von feinem Gespür für die Bewegung in der Netzwelt, wenn Hilmar Klute in der Süddeutschen vom Wochenende die Gesinnungsjäger anprangert, die mit künstlicher Aufregung im Netz auf alles zeigen, was nicht oder was zu sehr dem Schönen, Reinen, Guten entspricht.
Der reinen Lehre des Netzes werden notfalls die Regeln des Anstandes und des Umgangs miteinander geopfert. "Dialog" soll es immer sein, "authentisch", "auf Augenhöhe", damit die "Wisdom of the Crowd" zum Tragen kommt. Alles richtig. Nur leider wird es nicht funktionieren, solange der Dialog darin besteht, dass das eine Prozent der "Netzgemeinde" den neun Prozent der Proll-Aktivierten dabei applaudierend zuschaut, wie sie den 90 Prozent der Netznutzer ihre ärschlings-hysterische, uninfomierte Aufgeregtheit ins Gesicht streckt.
Eine Analogie drängt sich auf. Als sich das eine Prozent der Bürgerbewegung Ende der 60er Jahre so weit durchgekämpft hatte, dass die Ideen des Protests gesellschaftlich akzeptiert wurden, kamen die neun Prozent der Hippies, malten das Ganze in grellen Farben an und sangen sich einen dazu. Hippie zu sein war schick. Und wieder mussten 90 Prozent den sexuell und hierarchisch Befreiten beim schönen Kommunenleben zusehen.
Die Netzgemeinde macht es sich zu einfach, sie ist zu bequem und hat ein bisschen zu viel Spaß, eine Sau nach der anderen durchs Dorf zu jagen. Da hilft es auch nichts, bunte Haare zu tragen und in Talkshows aufzutreten. Der Punk wird kommen. Hey punk, where are you going with that flower in your hair?
Sonntag, 5. Februar 2012
Social Media Check: Erasco
Anlass genug, sich die Präsenz von Erasco im Web und in Social Media genauer anzuschauen. Erasco, das seit 1996 zum Campbell's Konzern gehört, ist ein Social Media-Verweigerer. Das ist um so verwunderlicher, als sich der Wettbewerb schon recht tapfer tummelt in der wunderbaren Welt der Tweets und Likes.
Nun ist Erbseneintopf erst mal kein emotionaler Anknüpfpunkt für Gespräche. Wirklich nicht? Der Teller heiße Suppe symbolisiert für viele Menschen "zu Hause". Und Erasco ist schlau genug, diese Emotionalität für für seine Werbung im Fernsehspot zu nutzen. Nur im Internet tun sich die Lübecker schwer. Da ist die "Inbetriebnahme einer High-Speed-Linie für 425-ml-Dosen" in der Firmenhistorie schon fast der Höhepunkt der Gefühle.
Ja, ja, Männer können seine Gefühle nicht zeigen, aber ein wenig mehr Dampf im emotionalen Suppenkessel würde nicht schaden. Traut euch.
Sonntag, 29. Januar 2012
Media Markt Onlineshop: Sprachlosigkeit im Netz
Überraschend ist, wie wenig Media Markt die Chance der Shoperöffnung und der riesigen Werbekampagne nutzt, um wirklich bei den Kunden anzukommen.
- Keine Facebook-Seite? Da mag irgendeine krumme Strategie dahinterstecken.
- Statt Adressen und Telefonnummern nur ein Kontaktformular auf der Website? Es könnten ja Kunden anrufen.
Die Konkurrenz ist schon viel weiter
Dass es auch ganz anders geht, zeigen die Konkurrenten. Und da spreche ich jetzt nicht vom Platzhirschen amazon und dem etwas schmuddeligen Ebay.
Allen voran fällt mir notebooksbilliger.de ein. Schon seit langem bieten die Sarstedter auch über Facebook Kundenservice an oder Foren zur Diskussion über die Produkte im Shop.
Auch die sympathischen Oberpfälzer von Conrad (Disclosure: Ich bin selbst Oberpfälzer) sprechen mit ihren Kunden im Netz und lassen sie auch über ein Uhrenarmband twittern, wenn sie wollen.
Märkte sind Gespräche, heißt es. Media Markt bleibt jenseits des Geschreis sprachlos im Internet.
Mittwoch, 9. März 2011
Analog? Digital? Absage an den Klassenkampf der Medien
Ich kam aus dem Kopfnicken gar nicht mehr hinaus beim Lesen der treffend formulierten "Neun Thesen zum Qualitätsjournalismus von Christian Jakubetz.
Indes, der Artikel hat mich irritiert. Was Jakubetz bereits in der ersten These aufstellt ist ein Klassenmodell der Medien: digital vs. analog. Analog stirbt aus, digital ist besser. Entspricht das der Wirklichkeit?
Ich widerspreche der These vom Verschwinden des Analogen nicht, ich glaube sogar, dass die Auflösungserscheinungen so weit gehen, dass die Grenzen verwischen. Wir müssen den Klassenkampf leider absagen.
Viele klassisch-analoge Medien sind längst auf dem Weg zur hybriden Form. Die "ZEIT", auf Papier bietet in weiten Teilen längst keinen analogen Journalismus mehr. Denn das Online-Angebot ist so untrennbar verschränkt und so sichtbar, dass die "ZEIT" zu einer Marke geworden ist, die in beiden Welten zu Hause ist. Andersrum, ist ZEIT ONLINE ohne die Ergänzung durch das Blatt kaum denkbar.
ARD und ZDF besetzen - völlig zurecht und ihrem Auftrag folgend übrigens - mit ihren Mediatheken und dem redaktionellen Angebot wichtige digitale Brückenköpfe, auch wenn sie noch nicht hybrid sind.
Medien befinden sich gleichzeitig im digitalen und im analogen Zustand. Das trifft noch viel mehr auf die Journalisten zu. Richard Gutjahr ist genauso in der Abendzeitung und in seinem Blog präsent, wie er es beim BR ist. Richard hat aus Ägypten gebloggt und getwittert, das war Online-Journalismus vom Feinsten. Aber das kann er nur, weil das analoge Medium BR ihm die Ressourcen und Infrastruktur dazu bietet.
Um das Mediensystem zu beschreiben würden sich Sinus-Milieus wesentlich besser eignen. Es gibt sie dort, die Aufsteiger und Absteiger, die prekären Klickstrecken-Publizisten und die adaptiv-pragmatischen Flattr-Verlage. Digital oder Analog, das ist dann nur mehr ein Merkmal unter vielen.
Jakubetz ist konsequent, im weiteren Verlauf des Textes nur noch vom Journalismus zu sprechen, nicht mehr von den Medien, deren er sich bedient. Wenn analoge Medien und Journalisten die Möglichkeiten des Digitalen im Crossover nutzen, wird Online-Journalismus bald zum journalistischen Standard werden - auch gedruckt.
Freitag, 25. Juni 2010
Social Media Newsrooms: Nur ein Brett?
Wäre ich ein Werber, würde ich den Besitzern von Social Media Newsrooms Angst machen. Angst vor dem "Schwarzen Brett Effekt". Denn viele Beispiele gleichen den mit bunten Blättern vollgepinnten Wänden in Universitäten oder großen Supermärkten: Viel Ramsch, viel Veraltetes, keine Übersicht, kein Thema.
Es ist insgesamt ein wenig still geworden um den Social Media Newsroom. Noch vor einem halben Jahr bekamen Unternehmen Aufmerksamkeit aus der Social Media Community, weil sie ein Stück Software installiert hatten, das ein geschickter Verkäufer Social Media Newsroom nannte. Das ist vorbei. Inzwischen ist klar, dass der SMNR auf der Corporate Website nicht das Ergebnis einer Installationsroutine ist.
Das automatische Aggregieren von Content aus allen möglichen Kanälen Travel Charme ist nett. Es ersetzt aber kein Themenmanagement - und Themenmanagement ist eine der zentralen Aufgaben der Unternehmenskommunikation.
Es ist einerseits eine Gestaltungsfrage. Westaflex zum Beispiel setzt ein Video als Eyecatcher oben auf die Seite. EIN Video - und nicht eine beliebige Liste. Damit ist ein Fokus für den Nutzer gelegt.
Andererseits ist es eine Frage des strategischen Themenmanagements: Der SMNR wird als redaktionell zu gestaltende Themenseite betrachtet. Dazu werden Beiträge gesammelt aus den Kanälen - und bewertet. Wichtiges wird groß und kommt nach oben. Themenmanager schaffen Ordnung auf dem Schwarzen Brett, schaffen Cluster, nehmen die drei verstreuten Post-its ab und hängen dafür ein wertiges Poster in die Mitte.
Das macht Arbeit, aber das macht wertige Kommunikation immer. Das erfordert den Mut zu Bewertung und Weglassen, aber das fordert wertige Kommunikation immer. Es hilft dem Nutzer, das wichtige Thema eines Unternehmens schnell zu erkennen - und das sollte wertige Kommunikation immer tun.
Mittwoch, 17. Februar 2010
Online muss einen Zeitpfeil bekommen
Es ist Aschermittwoch und passend dazu hat die Social Media Szene aus ihrer Mitte heraus diese Woche ein katharsisches Fegefeuer erlebt. Mirko Lange hat in einem stark diskutierten Blogbeitrag das Dogma des Dialogzwangs aufgegeben. Don Alphonso gab in der FAZ den ganzen Berufsstand der Social Media Berater zum Abschuss frei.
Vielleicht ist es an der Zeit, ein Element der Online-Kommunikation in den Mittelpunkt der Betrachtung zu stellen, das wir in den vergangenen 2 Jahren als zu "einsnullig" abgetan haben: die Corporate Website.
Die zentrale Mission lautet: Die Corporate Website ist lebendiger Ankerpunkt für die Interaktion mit den verschiedenen Nutzergruppen im Netz.
Aus den kleinen Visitienkarten waren gerade Anlaufstellen für Kunden, Journalisten, Investoren und Nachwuchskräfte geworden, als zwei Bewegungen vieles in Frage stellten.
Zum einen wurden die Websites einfach zu groß. Nach IR, Pressebereich und Karriere kamen die großen CSR-Bereiche dazu, Sustainability wanderte in die oberste Navigationsebene. Mehr war besser und was IR in der 4. Navigationsebene beschreibt, kann HR nicht auslassen, oder? Aus einem Rechtfertigungszwang für die eigene Existenz wuchsen riesige, undurchschaubare Inhaltstiefen und -breiten. Es fehlte an redaktioneller Führungskraft, Themen umfassend aufzubereiten.
Die zweite Bewegung: In einigen Kommunikationsabteilungen verschob sich der Fokus auf Social Media. In Krisenzeiten wurde im Zweifelsfall eher Web 2.0 als Marketingkanal genutzt als viel Geld in eine Überarbeitung der gewachsenen Strukturen der Website zu verlieren. Viele Corporate Websites sind große Tanker, die richtungslos in einem Meer treiben. Zeit, sie ins Dock zu bringen und gründlich zu überholen.
Aus den Gesprächen mit Jürgen Mayer und Jan Manz heraus entwickelt sich bei mir der Gedanke, dass wir Corporate Websites nur noch mit Zeitpfeil denken dürfen. Corporate Websites müssen schlanker werden, in den Strukturen vereinfacht, in den Funktionen dynamisiert; und sie brauchen in ihrer Mechanik verankert einen kleinen, schnellen Themenmotor.
Zwei Gründe sprechen für die Rosskur:
- Die Gewohnheiten der Nutzer haben sich geändert. Was Social Media bewirkt hat, ist die Dynamisierung, die Beschleunigung der Interaktion. Internet ist wie Fernsehen geworden. Wir erwarten nicht mehr nur Informationsdepots. Wir wollen Programm.
- In den Unternehmen gibt es mit den Employer Branding Spezialisten und den CSR-Leuten neue Experten. Wir erleben, dass die akronymen Truppen von UK, IR, HR und CSR unterschiedliche Sprachen sprechen. Oft reden sie gar nicht miteinander und machen auf der Website ihr eigenes Ding.
Was ist zu tun?
- An die Stelle ausufernder Strukturen muss strategisches Themenmanagement treten. Inhalte müssen so aufbereitet sein, dass sie mehrere Nutzergruppen ansprechen. Das ist nicht nur effizient, das macht die meisten Inhalte auch besser weil reichhaltiger in der Aussage.
- Der Proof für das Markenversprechen liegt in dem, was im Unternehmen passiert. Deshalb sind es die aktuellen Inhalte, die die Website antreiben und wertig machen. In deren Herzen liegt die Mechanik eines Blogs, der seinen Zeitpfeil mitbringt.
- Authentisch ist, was aus dem Unternehmen herauskommt. Deshalb müssen möglichst viele Bereiche im Unternehmen die Chance haben, direkt aktuelle Inhalte zuzuliefern. Wir brauchen dazu mehr redaktionelles Management und weniger komplizierte CMS. So wie Uwe Knaus den Daimler Blog eher fördert statt kontrolliert, müssen die Verantwortlichen im Unternehmen Autoren anleiten und führen.
- Websites müssen noch mehr zu Anwendungen werden. Auch das haben die Nutzer mit Google Docs und auf Facebook gelernt. Die neuen Corporate Websites sind Werkzeuge, sie treten in Interaktion und sie sind Schnittstellen für die Community rund um das Unternehmen. Hier findet Social Media statt.
Mein Plan ist, in den nächsten Beiträgen noch mehr über die Corporate Website zu lernen. Ich freue mich über euer Feedback und nehme neue Gedankengänge gerne mit auf.
Montag, 15. Februar 2010
Marken brauchen Freunde, nicht nur Fans
Ich bin kein Fan und werd's nicht mehr. Früher war ich es. Der Fan erwartet jede CD seiner Lieblingsband mit Spannung. Er schneidet die Zeitungsartikel über seinen Verein aus und kauft überteuerte Bücher. Er reist quer durch die Republik für ein Konzert. Kurz: Er ist ein Fan und der andere ist der Star.
Heute soll ich auch wieder ein Fan sein, auf Facebook. Aber Coca Cola hat schon über 5 Millionen Fans, Angela Merkel 25.000, der TSV Ismaning immer noch 32. Was soll ich da noch? Was hilft es mir?
Der Fan-Status widerspricht dem Cluetrain-Manifest und einem wichtigem Dogma der Social-Media Szene: Auf Augenhöhe miteinander sprechen. Der Star blickt immer auf den Fan herab. Er bestimmt, was über ihn geschrieben wird. Fans kritisieren den Star nicht.
Um als Marke zu wissen, welche Markenerfahrung die Nutzer draußen machen, brauchen sie keine Fans, sondern Freunde. Weil Freunde ehrlich sagen, wenn Marken schief liegen. Weil Freunde ein Interesse daran haben, Marken und Produkte zu verbessern.
Marken wie Coca Cola können mit Fans zufrieden sein. Wer aber erfahren will, welche Markenerfahrung die Menschen machen, der muss die richtigen Fragen stellen und dann zuhören. Dazu sind Gruppen und Foren vielleicht viel besser geeignet. Ich kann mir vorstellen, dass viele Anbieter von Dienstleistungen oder (Online)-Händler auf diesem Weg besser fahren, egal ob sie das nun auf Facebook machen, auf Xing, oder ob sie eine eigene Community aufziehen. Wer mit Nutzern so in die Diskussion einsteigt, wer ihnen Support gibt und nicht nur Downloads, der gewinnt Freunde.
Ich werde kein Fan von Coca Cola. Ich werde auch kein Fan von Angela Merkel. Aber vielleicht könnten wir ja Freunde werden.
Donnerstag, 7. Januar 2010
Ich war offline - und das war gut so.
Auf Social Media kann ich verzichten. Nach fast drei Wochen in meiner internet-freien Heimat ist mir das klar geworden. Ohne Internet gibt es kein Status-Update, keinen interessanten Link, keine neuen Projekte und keine Diskussion. Kein Sascha Lobo, nirgends.
Dafür Weihnachtsessen und Christbaum. Lange Spaziergänge. Einen Sternenhimmel, wie ihn die Stadtkinder nicht kennen.
Fest in meinem Weihnachtsprogramm: Die Autofahrt durch die Wirkstätten meiner Jugend. Auf dem Weg über die Landstraßen buchstabiere ich die Namen der vielen kleinen Dörfer. Viel hat sich nicht verändert. Es gibt ein paar Kreisverkehre mehr.
Und Social Media? Gibt es. Das Einsatzvideo der Feuerwehr landet auf Youtube, auf Facebook gibt es einiges zu sehen. Aber brauch ich das? Machen wir da nicht viel Bohei um etwas, was im Alltag der meisten Menschen nicht viel bedeutet?
Machen wir uns nichts vor: Wir sind in einem Hype, wir tun so, als ob Social Media die Welt bewegt. Gezeugt, geboren und gestorben aber wird offline.
Und doch: zwischen dem wesentlichen Analogen ist viel Platz für das unwesentliche Digitale, auch für Social Media. Ich bin neugierig, ich will von meinen Freunden hören - und von neuen Followern. Social Media ist so interessant, weil es social ist, weil es meinen sozialen Bedürfnissen entspricht wie die langen Gespräche unter dem Sternenhimmel, den die Stadtkinder nicht kennen.
Deshalb: Auf Social Media kann ich nicht verzichten, weil ich nicht auf diesen Aspekt menschlicher Gesellschaft verzichten will, der so gut zwischen das Gezeugt-, Geboren- und Gestorbenwerden passt.
Donnerstag, 17. Dezember 2009
2010 wird das Jahr des Scheiterns für Social Media
2009 war ein verdammt gutes Jahr für Social Media. Wir haben viele spannende Projekte gesehen. Vieles wurde zum ersten Mal ausprobiert, diskutiert und mit wohlwollendem Interesse verfolgt. Selbst der Fail erhielt so viel Aufmerksamkeit, dass er nicht nur lehrreich war, sondern kommunikativ richtig umgesetzt die Basis für weitere, erfolgreiche Projekte wurde.
Eine Warnung an alle im PR und Marketing Umfeld: Das wird 2010 nicht mehr so einfach mit dem Social Media. Wir werden im nächsten Jahr viele Social Media Projekte kümmerlich scheitern sehen. Und das hat zwei Gründe:
1. Wir scheitern, weil wir Ziele haben.
- In 2010 werden Social Media schon allein deshalb scheitern, weil wir wir den Erfolg messen. Erstens werden Chefs und Controller zu Recht Zahlen verlangen, was die Sache denn bringt.
- Zweitens werden die Projekte sehr konkrete Ziele bekommen, weil wir nach der Experimentierphase nun in der Lage sind, sie zu formulieren.
- Drittens sind die Tools zum Monitoring und zur Evaluation inzwischen so gut, dass wir auch messen können, ob wir unsere Ziele erreicht haben.
2. Wir scheitern, weil Social Media erfolgreich ist.
Viele Testballons aus den PR- und Marketingabteilungen haben bis jetzt nur deshalb Aufmerksamkeit bekommen, weil sie zum ersten Mal in Social Media stattfanden. Jetzt ist Social Media eine Commodity wie fließend Wasser. Der Facebook-Auftritt einer Partei zur Bundestagswahl wird in keine Meldung mehr wert sein. Der twitternde Konzern ist nächstes Jahr nur noch einen Eintrag in eine Liste wert, aber keine Meldung in der Fachpresse. Auch die Aufmerksamkeit der Massen für die 500. "Folge mir und gewinne einen 5-Euro Reisegutschein"-Aktion wird geringer ausfallen.
Von PR und Marketing initiierte Social Media Aktionen werden also 2010 reihenweise scheitern, weil sie niemanden interessieren und deshalb keinen Return on Communication bringen. Weil sie kein Gespräch entfachen, und damit keinen Markt für Meinungen und Produkte.
Und jetzt kommt die gute Nachricht: Aus den gleichen zwei Gründen wird es 2010 viele verdammt erfolgreiche Social Media Aktivitäten geben! Die Menschen in Social Media werden sich Aktionen zuwenden, die witzig und gut umgesetzt sind, und die ihnen irgendeinen Nutzen bringen. Und unsere Chefs und Auftraggeber wollen Zahlen sehen - gute Zahlen.
Die Herausforderung für uns wird sein, das Engagement in Social Media strategisch einzubetten und uns klare Ziele zu setzen. Operativ aber brauchen wir viel bessere Ideen, viel mehr Kreativität und noch viel mehr Kooperation zwischen den Disziplinen. Bei aller Professionalisierung werden Social Media PR und Marketing 2010 deshalb nicht den großen Playern gehören, sondern den kreativen Strategen in kleinen, interdisziplinären Units.
Ich freu mich auf ein erfolgreiches Jahr des Scheiterns.
Montag, 28. September 2009
Gekommen um zu bleiben
2009 wird als das Jahr in die Geschichte eingehen, in der die deutschen Parteien die Politik und den Wahlkampf ins Internet getragen haben. Sie sind unter uns. Wir werden uns an sie gewöhnen müssen.
Die Parteien haben 2009 Mut bewiesen, mehr Mut als so manches Unternehmen. Erstaunt sahen die Digital Natives zu, wie CDU, SPD, FDP, Grünen, Linken und Piraten die Tools in die Hand nahmen, die wir ihnen so laut angepriesen hatten. Sie haben viele Fehler gemacht. Sie haben sich anders verhalten, als wir es ihnen in lustigen Manifesten niedergeschrieben hatten. Aber sie haben durch ihr Handeln die Regeln verändert und Fakten geschaffen, wo viele Experten noch theoretisierten.
Mit viel Geld und Manpower wurde die ganze Bandbreite von Social Media zum Einsatz gebracht: Facebook, Twitter, Xing, YouTube. Es wird spannend, wie viel von dieser Leistungsschau des politisierten Social Media Engagements übrig bleibt. Aber irgendwo ist immer Wahl, und die Investitionen und Erfahrungen in der neuen Welt waren nicht umsonst.
Die Parteien müssten Netzwerke werden, forderte Florian Semle beim jüngsten Social Media Club in München. Dabei sind Parteien nichts anderes als Netzwerke. Was die Parteien in Social Media aufgebaut haben sind Plattformen. Gute, weitgehend funktionierende Plattformen.
Wir, die wir Unternehmen beraten wollen, sollten sehr genau analysieren, was uns die Parteien da vorgemacht haben. Wir können viel lernen vom Mut, es einfach zu tun.
Mittwoch, 17. Juni 2009
Radio ist einfach geiler
Nein, wir müssen nicht jedesmal das Rieplsche Gesetz zitieren, wenn wir daran glauben wollen, dass die Tageszeitung der einzige Weg zum Glück ist. Weil wir wissen, dass Wachstafeln vielleicht noch in Gebrauch sind, aber schon lange kein Teil der meinungsbildenden Medien.
Wir müssen auch nicht so cool und elitär in Buzzwords (Poken!) daherkommen wie die liebe Twitter-Gemeinde. Weil wir wissen, wie elitär und versnobt die Blogger vor ungefähr 24 Monaten waren.
Wir müssen nur einfach mal auf dem Weg zur Arbeit das gute Bayern2 hören, genauer die "radiowelt"; und dort die Reportage des Korrespondenten aus dem Iran. Seine letzte Berichtsmöglichkeit ist es, sich auf den Balkon zu stellen und das Mikro auf die Straße zu halten. Er fängt den Moment ein, in dem all abendlich die Menschen in Teheran dem Regime buchstäblich aufs Dach steigen und wie auf ein geheimes Zeichen hin die Parolen der Aufständischen in Wortspielen und Versen über die Stadt rufen, eine neue, einfallsreiche Form des öffentlichen Protestes. Ein journalistisches Meisterwerk in 1:30.
Irgendwann wird der BR diese Reportage vielleicht online stellen, und dann werden wir vergleichen können:
- Wir werden sehen, dass die SZ ungefähr zwei Seite-3-Formate gebraucht hätte, um das alles zu transportieren.
- Wir werden sehen, dass auf Twitter wahrscheinlich gerade eine Twitpoll läuft, bei der alle den Wächterrat irgendwie ganz doof finden und außerdem wäre das doch was aus Herr der Ringe, 1. Teil (der Verfilmung).
- Im Ersten liefe wahrscheinlich ein Brennpunkt, aber es gibt nichts zu sehen aus dem abgeriegelten Land.




