Im Silberlicht des Mondes scheinen Geschichten wahr, die im goldenen Sonnenlicht nicht bestehen würden. Dieser Blog erzählt von den Möglichkeiten und Unmöglichkeiten der PR, Medien und der Werbung. Stephan Eichenseher ist Senior PR-Berater bei wbpr_ Kommunikation. Seine Schwerpunkte sind Corporate Communication, Innovationskommunikation und Online-Kommunikation.
Sonntag, 26. Februar 2012
Liebling, ich habe die Wirtschaft geschrumpft!
Beim Thema Schrumpfen fällt einem in Deutschland zuerst die Wirtschaft und dann die FDP ein. Letztere ist bald nur noch eine liberale Fußnote, was sehr schade ist. Für erstere besteht das Problem, dass das nicht schnell genug geht und Philipp Rösler weiter völlig ideenlos als Wirtschaftsminister agiert.
Wo das hinführt, sieht man sehr gut an der neuen Broschüre "ENERGIEWENDE!", die Röslers Ministerium für viel Geld produzieren und unter anderem der Süddeutschen beilegen ließ. Die Kernaussage des nett gemachten Heftchens ist: "Energiewende? Gerne! Solange es niemanden was kostet. Sonst lassen wir das lieber wieder sein."
Nun weiß der Lanz-Freund Rösler, dass die Energiewende sicher nicht zum Nulltarif kommen wird. Im Gegenteil, sie wird teuer, richtig teuer, da sind sich alle einig. Was Rösler also wirklich sagt, ist, dass es mit ihm als Wirtschaftsminister keine Energiewende geben wird. Dass es die Industrie nicht mal versuchen muss.
Zum Glück gibt es neben den Dinosauriern, die Rösler mit seiner Politik aus dem Mesozoikum schützen will, in der deutschen Wirtschaft noch genug Innovatoren, die wissen, dass Reservate keine auf Dauer lebensfähigen Ökosysteme sind. Sie sind längst dabei, größtenteils ohne staatliche Förderung Lösungen für die Energiewende zu entwickeln.
Beispiel gefällig? Die Münchener m+p consulting hat sich Elektromobilität auf die Fahnen geschrieben. Infrastruktur, Fuhrparklösungen und Fahrzeuge gehören mit zum Angebot. Dort denkt man weit über Elektroantriebe hinaus und sieht die Energiefrage im Gesamtkontext. Gespannt sein darf man auf den Kongress am 28. und 29. März im Verkehrszentrum des Deutschen Museums in München (und am 10. und 11. Mai in Berlin).
Beispiele wie diese gibt es viele. Da sind die Gründer von enbreeze, die kleine Windkraftanlagen effizient machen. Oder fos4x, deren Technologie bei großen Anlagen für geringere Wartungskosten sorgt. Man sagt den deutschen Ingenieuren ein zwanghaftes Effizienzstreben nach. Genau das macht die Energiewende zur großen Chance für ingenieursgetriebene Unternehmen. Die Supertanker, die Rösler schützen will, sind dem Untergang geweiht, wenn sie die Wende nicht mit vollziehen können. Kleine Schnellbote werden es sein, die die Marktchancen ergreifen werden.
Nur: Ohne die Industrie in die Pflicht zu nehmen, wird es nicht gehen. Auch wenn das höhere Kosten und weniger Komfort für den Verbraucher bedeutet. Die Ideenlosigkeit von Röslers Ministerium wird viel mehr Arbeitsplätze kosten als teurer Strom. Angst vor dem Wandel kostet nämlich die Zukunft.
Sonntag, 7. August 2011
Ich versteh das nicht, Süddeutsches Magazin
So ein Magazin wie das der Süddeutschen Zeitung besteht inzwischen hauptsächlich aus Kolumnen. Während die langen Lesetexte inzwischen recht selten, immer weniger lang und immer weniger lesenswert werden, wachsen die Kolumnen: Kochen, Fotostrecke, Gewissensfrage, Produktfriedhof, Hoteltipp und schon habt ihr wieder ein Heft zusammen.
Einen besonderen Platz nimmt dabei die Kolumne "Das verstehe ich nicht" ein. Dort machen sich eure Autoren mit herzgefühlter Empörung über so verabscheuungswürdige, unterschichtige Phänomene lustig wie blitzende Tangas, lustige Fotos auf Facebook, Fotos im Retrolook, Selbstentblößungsfotos und überhaupt Fotos, weil das anscheinend immer ein Grund zur herzgefühlten Empörung ist.
Aber was heißt da "eure Autoren"? Das muss eine speziell ausgewählte, auf Herz und Arroganz geprüfte Edelfedern-Elite sein. Ich kann mir euer Assessmentcenter vorstellen, durch das die Kandidaten müssen, bevor sie ihre sehr gepflegte Abscheu gegenüber allem Menschlichen absondern dürfen. Kann der Kandidat sich über jede gemeine Freude erheben? Fehlt ihm jeglicher Blick für den Spaß am eitlen Treiben? Ist er ausreichend arrogant, Schicksale anderer als persönliche Schwächen umzudeuten? Kann er aus glücklichem Amateurdasein den Schmähwitz des bemühten Dilettantismus ziehen?
Ja? Dann reiht ihr ihn ein in die Reihe der beredten Welt-Nichtversteher, auf dass er uns mit seinem Schreiben jeden Spaß den überwürzten Garaus mache.
Wenn euch diese Kolumne gefällt, dürft ihr es gerne als Bewerbungsschreiben ansehen.
Grüße in den Elfenbeinturm.
Sonntag, 7. März 2010
Süddeutsche is coming home
"Durch's Reden kumma d'Leit zam", sagen wir in der Oberpfalz. Oder Menschen und Produkte. Es hat sich was getan in meiner Beziehung zur Süddeutschen. Nach der vorsichtigen Annäherung und der großen Krise läuft die Sache richtig gut.
Nachdem ich letzte Woche erneut vor einem leeren Postkasten stand, wollte ich eigentlich endgültig Schluss machen und griff zum Hörer, wählte die Nummer der Abo-Hotline. Und da geschah Wundersames:
Ich trug meine Gravamina vor, bis mich die Dame am anderen Ende der Leitung fragte: "War die Postzustellung eigentlich Ihr Wunsch?" Es sei sehr ungewöhnlich, dass es in Ismaning keinen Träger gäbe. Sie würde das gleich klären und mich zurückrufen.
Der Rückruf kam prompt. Es stellte sich heraus, dass ein Tippfehler meine Straße aus dem System gekickt hatte. Schwuppdiwupp hatte ich morgens meine Süddeutsche per Austräger geliefert.
Für die SZ hat es sich gelohnt, dass sie in ihrem Call-Center sehr freundliche und bemühte Mitarbeiter hat - und ein paar Ortskundige, die wissen, dass Ismaning noch süddeutsch genug für die Süddeutsche ist.
Für mich hat es sich auch gelohnt. Ich sitze bei einer guten Tasse Kaffee; ich blättere mich zärtlich durch die Seiten der Wochenendausgabe und freue mich: Mehr zu haben als Nachrichten. Mehr als Information, mehr als Content und Klickstrecke. Mehr als ein Produkt. Eine Zeitung eben. Mein Aktionsabo läuft bis Ende des Monats, dann fällt die Entscheidung. Also: Weiter ranhalten, liebe SZ-Redakteure. Jetzt gilt's.
Mittwoch, 2. Juli 2008
Der Sommer, die Merkel und ein leckerer Esel
Auch auf den Sonderverkaufsflächen dieser Welt regiert das irrlichternde Sommer-Sonnen-Licht und sorgt für Erheiterung am üblichen Großformat-Restexemplare-Stand. Im Marktkauf meines Vertrauens steht bei den Kochbüchern mit "Salaten", "Grillen", "Leichte Küche", "Pasta" der nette Bildband mit dem Titel "Esel". Und der graue Bruder schaut mich lieb vom Cover an und er spricht mit Eselszungen sanft zu mir:
Grill meine Lendchen,Gut, dass ich schon vorher beim Metzger war.
servier sie mit Salat.
Eselfleisch ist super lecker
an einem Sommertag.
Montag, 2. Juni 2008
Aus Angies Schatzkästchen
Steinfeld macht im öffentlichen Diskurs eine Bürokratensprache aus, spricht dabei von einem "sprachlichen Bankert, dessen Eltern eine Brandschutzverordnung und ein Fremdwörterbuch gewesen sein müssen". Schön formuliert.
Schade, dass er ausgerechnet Josef Ackermann als Beispiel bringt, dessen Aussagen von einem hysterischen Markt und unzähligen Anlegerschutzgesetzen diktiert werden.
Hier zwei aktuelle Beispiele aus dem Sprachschatz unserer First Lady:
"Wir dürfen die Gesellschaft nicht in Gruppen portionieren und gegeneinander
ausspielen. Wir kommen ohne die vielen Leistungsträger nicht aus und dürfen es
ihnen im Interesse von Wachstum und mehr Arbeit nicht schwer machen.""Wir müssen uns mit aller Kraft dafür einsetzen, die Lebensgrundlagen der gesamten Erde langfristig zu bewahren."
Dass der Journalismus diese Floskelhaftigkeit weiter in die öffentliche Debatte trägt, steht auf einem anderen Blatt, das Steinfeld nicht bespricht.
Dienstag, 29. April 2008
Kaufdown bei sueddeutsche.de
sueddeutsche.de will jetzt Sofas und Autos auf der Website rückwärts versteigern. Ich mag mir nicht vorstellen, wie das auf der Website aussieht. Viel schlimmer aber ist, dass sie dazu auch RADIOWERBUNG angedroht haben.
Das wird bedeuten, dass ich pünktlich zur halben und kurz vor der vollen Stunde panisch den Sender wechseln werde. Hin zu einer Station, bei dem die Mediaplaner niemals ihre Zielgruppe vermuten würden. Ich werde beim Dudelfunk um Asyl bitten und wer weiß, vielleicht dort meine radio-aktive Heimat jenseits aller Nachrichten, Features und Programmkompetenz finden.
Weil: Ich kann mir genau vorstellen wie die Radiowerbung für sueddeutsche.de sich anhören wird:
- Es wird eine Frauen und eine Männerstimme geben.
- Der Mann wird sich dumm anstellen/keine Ahnung haben/ein Volltrottel sein. Sowas halten die Werber für witzig.
- Die Frau wird den Produktnamen/die URL/die Marke ungefähr 20 Mal während des Spots wiederholen. Das ist billiger als sich lange einen ordentlichen Claim auszudenken.
- Um das ganze nervlich abzurunden, wird es dezente Musikuntermalung geben, vielleicht auch nahe liegende Klangeffekte (Quietschende Sofa-Federn bei Geschlechtsverkehr, Auto-Hupe)
Ich bin ja so gespannt!
Dienstag, 22. April 2008
Das spricht Bände
Dort versucht sich ein Sänger im Komödienstadl-Bairisch an einem Schnaderhüpfel. Das Schnaderhüpfel ist eine süddeutsche Ad-Hoc Liedform, die sich besonders durch Kürze, Sprachwitz und entsprechende Verdichtung auszeichnet. Ok, kurz ist der Spot immerhin, wenn man die Stoppuhr hinhält. Aber die gefühlte Zeit wird angesichts dieser bajuwaristischen Sprachvergewaltigung als endlos empfunden.
So ein Tiefschlag ins Sprachkontor kann nur mit gleichen Mitteln gekontert werden:
Bei da Süddeutschen Zeitung
regiern jetzt die Schwobn
des merkt ma im Radio
weils nix zum sogn hobn