Sonntag, 4. März 2012

Das ist Punk, Mann. Lass dir die Haare schneiden


Wir brauchen viel mehr Punk. Wir brauchen einen realistischen, unaufgeregten Umgang mit Social Media, wir brauchen mehr Respekt vor den Leuten, die uns in Social Media begegnen, und wir brauchen sehr viel weniger Respekt vor der "Netzgemeinde". Wir sind die 90 Prozent.

Wir erleben gerade die Geburtsschmerzen einer popularisierten, demokratisierten Netzgesellschaft. Ein in sich weitgehend geschlossener Zirkel von Netz-Gurus und Social Media Priesterinnen wehrt sich noch dagegen. Widerstand aber ist zwecklos. Die Popularisierung einer Innovation, eines neuen Gedankens oder einer neuen Technik geht unvermeidlich mit Umbrüchen einher.

Nur her damit. Der Zustand der "Netzgemeinde" ist ziemlich traurig, die Debattenkultur nicht der Rede wert. Es zeugt schon von feinem Gespür für die Bewegung in der Netzwelt, wenn Hilmar Klute in der Süddeutschen vom Wochenende die Gesinnungsjäger anprangert, die mit künstlicher Aufregung im Netz auf alles zeigen, was nicht oder was zu sehr dem Schönen, Reinen, Guten entspricht.

Der reinen Lehre des Netzes werden notfalls die Regeln des Anstandes und des Umgangs miteinander geopfert. "Dialog" soll es immer sein, "authentisch", "auf Augenhöhe", damit die "Wisdom of the Crowd" zum Tragen kommt. Alles richtig. Nur leider wird es nicht funktionieren, solange der Dialog darin besteht, dass das eine Prozent der "Netzgemeinde" den neun Prozent der Proll-Aktivierten dabei applaudierend zuschaut, wie sie den 90 Prozent der Netznutzer ihre ärschlings-hysterische, uninfomierte Aufgeregtheit ins Gesicht streckt.

Eine Analogie drängt sich auf. Als sich das eine Prozent der Bürgerbewegung Ende der 60er Jahre so weit durchgekämpft hatte, dass die Ideen des Protests gesellschaftlich akzeptiert wurden, kamen die neun Prozent der Hippies, malten das Ganze in grellen Farben an und sangen sich einen dazu. Hippie zu sein war schick. Und wieder mussten 90 Prozent den sexuell und hierarchisch Befreiten beim schönen Kommunenleben zusehen.

Auch die Netzgemeinde kennt ihre Uschi Obermaiers und Rainer Langhanseln. Sie sind unvermeidliche, wahrscheinlich notwendige, flamboyante Singularitäten, die die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Die Gegenbewegung zu den Social Media Hippies aber ist schon unterwegs. An den Rändern der Netzgemeinde hören schon die ersten die dreckigen, rotzigen Akkorde des Punk.

Die Netzgemeinde macht es sich zu einfach, sie ist zu bequem und hat ein bisschen zu viel Spaß, eine Sau nach der anderen durchs Dorf zu jagen. Da hilft es auch nichts, bunte Haare zu tragen und in Talkshows aufzutreten. Der Punk wird kommen. Hey punk, where are you going with that flower in your hair?



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