Sonntag, 1. April 2012

Social Media, die Erregung und die Wahl 2013

Seid ihr schon erregt? Spürt ihr es? Ich meine nicht den Frühling. Ich meine die ersten leichten Erregungswellen des Bundestagswahlkampfes 2013 im Netz. Es wird spannend werden, bunt und lehrreich. Lehrreich für die Parteien, für die Wähler und für Unternehmen, die sich heute immer noch sehr vorsichtig, selten strategisch und daher nur begrenzt erfolgreich-wertschöpfend in Social Media bewegen.
Kleiner Rückblick: 2009 war es schon spürbar; die Parteien waren ins Netz gekommen, um zu bleiben. Damals war ein Facebook-Account für eine Partei schon eine Aussage. Obama und sein Twitter-Wahlkampf hatte Wellen geschlagen, die seitdem in die Wahlkampf-Budgets schwappen.

Die Plattformen sind besetzt
In den vier Jahren seitdem haben sich die Parteien von damals im Netz positioniert - und stehen doch angesichts der Piraten ziemlich ratlos da. Da gibt es CDUplus (beta), was sich eher wie der "Arbeitskreis Senioren" anhört, wohl aber eine Kampagnenplattform für die Internetaffinen unter den Anhängern ist.

Die Grünen haben ihre Verantwortung für vom Aussterben bedrohte Netzwerke erkannt und promoten deshalb auch noch StudiVZ und wer-kennt-wen auf ihrer Website. Ansonsten wirkt die Startseite von allen großen Parteien am wenigsten social - sprich, die Grünen kommunizieren sehr viel mehr ihre Themen, begeben sich nicht auf das Niveau des Politik-Pinterests und verzichten auf bunte Bildchen. Bis jetzt, denn ich wette, dass vor der heißen Phase des Wahlkampfes noch ein Relaunch von www.gruene.de ansteht.

Auf der Website der SPD scheinen die Social-Media-Elemente am natürlichsten integriert. Da macht es auch Sinn, wenn Teresa Bücker, Social-Mediteuse der SPD, in einem Post im umfangreichen Blogbereich vor reinen Netz-Kampagnen ohne politische und lokale Verankerung warnt.

Die Piraten: Mobilisierung durch Erregungspartikel
Wie wird sich das Gesicht der Parteien im Netz wohl ändern, wenn die Parteien auf die Piraten reagieren, reagieren müssen? Die Piraten haben Social Media als reine Erregungsökonomie verstanden. Anders als in den klassischen Medien ist das wertvollste Gut hier nicht allein die Aufmerksamkeit, sondern die Erregung. Katzen-Content oder Anti-Acta, das spielt in der Erregungsökonomie keine Rolle mehr.

Entscheidend ist die "Teilbarkeit", also die Qualität eines Inhalts, die ihn wie eine Welle der Erregung von Knoten zu Knoten im Netz wandern lässt. Wie bei einer aus dem Ruder gelaufenen Facebook-Party mobilisieren die Piraten mit Hilfe von hochgradig teilbaren politischen Meme Menschenaufläufe - in Social Media, in den klassischen Medien und auf den Plätzen der Großstädte. Debattierbar, also auf dem Prüfstand der politischen Diskussion nachzuhalten, sind die Piraten in weiten Teilen nicht, darauf verweist auch Michael Spreng in seinem Post über die "Gummiwand-Partei".

Hält die Demokratie soviel Erregung aus?
Die Bundestagswahl in Social Media wird deshalb so spannend, weil sich erst noch zeigen muss, wie lange die Bürger den Erregungszustand des Wellenwahlkampfes aushalten. Am Ende könnte sich in der ganzen Erregung der Plattformen, Netzwerke und Lautsprecher herausstellen, dass den Parteien und der Demokratie die Debatte abhanden gekommen ist.

Für Unternehmen lässt sich bis 2013 noch viel lernen von den Parteien. Wo sollen sie auf Erregung setzen, um Menschen für ein Produkt zu mobilisieren und schnell Wellen zu schlagen? Wo müssen sie Aussagen, debattierbare Standpunkte und Dialoge in Social Media nachhalten, weil sonst strategische Ziele in Gefahr sind? Ist Social Media überhaupt ein Kanal für Inhalte jenseits der Erregung? Es wird spannend - und jetzt zurück zum Frühling.
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